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13.09.2019 Interview mit Klara

Interview Stuttgarter Zeitung

Frau Geywitz, Sie haben sich entschlossen mit Olaf Scholz zu kandidieren – dem einzigen Bewerber, der gerade ein Amt in der ersten Reihe der Republik bekleidet. Warum?

Olaf Scholz hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Ich kämpfe mein ganzes Leben schon dafür, dass Männer und Frauen auf Augenhöhe gemeinsam Politik gestalten. Deswegen habe ich zum Beispiel in Brandenburg ein Parite-Gesetz mit auf den Weg gebracht und deswegen war ich im Parteivorstand dafür, dass wir eine Doppelspitze einführen. Gleichstellung in der Politik klappt natürlich nur, wenn Frauen auch antreten. Und als Ostdeutsche ist es mir natürlich auch wichtig, dass ostdeutsche Stimmen in der Bundespolitik stark vertreten sind.

Wie fanden Sie es stilistisch, dass Scholz erst öffentlich alleine seinen Hut in den Ring geworfen hat und sie dann dazu kamen?

Vermutlich kann jeder verstehen, dass man über die Frage des Vizekanzlers, ob man mit ihm zusammen SPD-Vorsitzende werden will, eine Weile nachdenkt. Ich bin Mutter von drei Kindern in der Grundschule, da braucht die komplette Änderung des Lebens auch etwas Vorlauf.

Er hätte ja mit seiner Ankündigung warten können, bis Sie sich entschieden haben, oder?

Es ist ja kein Geheimnis, wie das in Berlin mit der Möglichkeit läuft, Entscheidungen unter der Decke zu halten.

Hat für Sie bei Ihrer Entscheidung auch das Risiko eine Rolle gespielt, in der Öffentlichkeit, die zum Klischee neigt, als Anhängsel betrachtet zu werden?

Frauen werden immer noch häufig öffentlich zunächst unterschätzt, das ist als Politikerin durchaus nicht nur mir passiert. Aber ich wusste ja auch, dass wir mit der Bewerbung 23 Möglichkeiten haben, uns in der Partei vorzustellen und dass die Öffentlichkeit viele Chancen hat, sich auch von mir ein Bild zu machen. Ich war mir deshalb sicher, dass dieses Bild von mir ein anderes sein wird.

Wie wäre die Aufgabenteilung unter Ihnen beiden an der Parteispitze - würde Olaf Scholz, weil er in der Regierung ist, sich eher ums Regierungshandeln kümmern, und Sie sich um die Partei?

Uns ist klar, dass wir nicht die Aufgaben unterteilen, sondern das partnerschaftlich zusammen machen würden. Unsere Kombination ist die eines Mannes, der viel Regierungserfahrung hat und einer Frau, die dadurch, dass sie nicht in Regierung eingebunden ist, klare SPD-Positionen in alle Felder einbringen kann. Ich kann auch aus meiner speziellen Biografie heraus einen spezifischen Blick auf die Politik werfen.

Führende SPD-Frauen wurden dafür kritisiert, dass sie sich vor der Verantwortung drückten. Entspricht es Ihrer Erfahrung, dass wenn Frauen sich entscheiden, nicht anzutreten, ihnen eine Mitverantwortung an fehlender Gleichstellung zugewiesen wird?

Das ist ein großes und auch sehr schwieriges Amt, das muss jeder mit sich ausmachen. Ich kann da jede Entscheidung gut nachvollziehen. Andererseits funktioniert Gleichstellung natürlich auch nur, wenn Frauen kandidieren. Und wir sehen ja jetzt einen Prozess, dass viele Frauen bereit sind, für den Vorsitz zu kandidieren.

Wie viel hat aus Ihrer Sicht der Umgang der Partei mit Andrea Nahles mit der Entscheidung
mancher Frauen zu tun, nicht anzutreten?

In den Kandidatenteams sind wir uns auf jeden Fall in einem Punkt einig: wir brauchen ein
solidarisches Miteinander. Nur dann sind wir auch glaubwürdig als Partei, die für eine soziale
Gesellschaft steht und kämpft. Ich glaube daran, dass wir am Ende der Kandidatur eine neue Kultur des Miteinanders haben.

Bei der Verarbeitung des Rücktritts von Andrea Nahles klang auch der Vorwurf an, im
innerparteilichen Umgang mit ihr habe auch ein Schuss Frauenfeindlichkeit gesteckt. Stimmen Sie dem zu oder ist die SPD mit Ihren Vorsitzenden generell ziemlich ruppig?

Die Statistik zeigt, dass es auch Männer als Vorsitzende der Partei nicht einfach haben. Allerdings gibt es für Frauen leider immer noch einen verschärften Blick auf die Frage des Auftritts. Das ist manches, was bei Männern als energisch wahrgenommen wird, dann eher schwieriger. Das liegt sicher auch daran, dass noch zu wenige Frauen in verantwortungsvollen politischen Positionen sind. Da muss sich in der Kultur des Umgangs einiges ändern.

Welche Verantwortung haben Medien in diesem Punkt?

Eine große. Dass Frauen häufig zu Beginn unterschätzt werden hat auch etwas damit zu tun, wie sie medial dargestellt werden. Und es gibt auch Debatten, die bei Männern nicht geführt werden – über die Frisur, den Anzug, die Kette. Es wäre vielleicht an der Zeit, sich mehr auf die Inhalte und weniger auf Äußerlichkeiten zu konzentrieren.

Wird das Verfahren, mit geschlechtergemischten Teams anzutreten, die SPD auf Dauer verändern?

Davon bin ich fest überzeugt. Jetzt schon haben wir klar gemacht, dass es in der Partei sehr viele
starke Frauen gibt, die sich mit ihren Vorstellungen ganz unterschiedlich präsentieren. Es wird
deutlich, dass die SPD der Zukunft eine sein wird, in der Männer und Frauen partnerschaftlich und gemeinsam die Partei führen.

Wenn sich solche Wahlverfahren an der Spitze der Partei etablieren, wird dies auch die Diskussion um Parität im Wahlrecht beeinflussen, die zum Beispiel in Frankreich erreicht wird, indem pro Wahlkreis ein Tandem antritt?

Das ist im Moment noch eine schwierige juristische Frage, weil wir das Wahlrecht nicht komplizierter machen wollen, als es jetzt schon ist. Aber auf jeden Fall trägt das paritätische Wahlverfahren bei der SPD dazu bei, das Thema Wahlrechtsreform ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen.