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28.09.2019 Zeit fragt Klara Geywitz

Der Politische Fragebogen der ZEIT: Klara Geywitz

  1. Welches Tier ist das politischste?

Natürlich die Bienen. Sie sind ordentlich in einem Staat organisiert, helfen sich gegenseitig und haben an ihrer Spitze eine Königin. Wenn es die Bienen nicht mehr gäbe, wäre das für den Rest der Welt ziemlich furchtbar.

 

  1. Welcher politische Moment hat Sie geprägt – außer dem Kniefall von Willy Brandt?

Nine Eleven. Ich war Mitte Zwanzig, mir war nicht ganz klar, was dieser Terroranschlag bedeuten würden, aber eins verstand ich sofort: Dass er eine Zäsur war. Von nun an würde alles anders sein.

 

Wo waren Sie an diesem Tag?

Abends hatten wir eine Stadtverordnetenversammlung in Potsdam. Die Jüngeren dort standen wegen der Anschläge unter Schock, die Älteren um mich herum ließ das eher kalt. Da wurde mir klar, dass ich eine Nähe zu den USA, eine Solidarität mit den Opfern und deren Hinterbliebenen verspürte, die bei meiner Generation gewachsen war.

 

  1. Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik?

In den 80er Jahren sind in kurzer Zeit eine Reihe von KPdSU-Generalsekretären nacheinander gestorben. Mein Vater, der in der SED war, hat dann immer die Trauerparade im DDR-Fernsehen geschaut. Da stand eine große Reihe von Männern in Fellmützen auf der Kreml-Mauer – und wir tippten, wer wohl der nächste starke Mann der Sowjetunion sein würde. Und wie lange er durchhält.

 

  1. Wann und warum haben Sie wegen Politik geweint?

Als junger Mensch habe ich geweint, wenn ich bei den Jusos eine Wahl verloren habe. Das kam häufiger vor. Ich habe dann gelernt, dass eine politische Niederlage keine Ablehnung als Mensch bedeutet – und dann wurde es besser. Zuletzt geweint habe ich, als Pawel Adamowicz im Januar an den Folgen einer Messerattacke starb. Ich hatte ihn Wochen zuvor im Bürgermeisterwahlkampf in Danzig getroffen. Ich mochte ihn nicht nur sehr als Person, er stand auch für ein ganz tolles, tolerantes Polen.

 

Wann darf man in der Politik nicht weinen?

Ich habe erlebt, wie Frauen aus taktischen Gründen urplötzlich zu weinen anfingen, weil das in aller Regel große Hilflosigkeit bei Männern auslöst. Dauerhaft bewährt sich das aber nicht. Taktische Weiner werden über kurz oder lang durchschaut.

 

Werden sie weinen, falls Sie nicht SPD-Vorsitzende werden?

Ich glaube nicht. Meine Juso-Tage liegen schon ein Weilchen hinter mir.

 

  1. Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht verträgt?

Ja. Die meisten Menschen fühlen sich dann sicher, wenn sie viel besitzen. Mich macht Besitz unfrei. Am freiesten fühle ich mich, wenn ich wenig besitze.

 

Was ist das Wertvollste, das sie besitzen?

Meine 8-Kilo-Waschmaschine. Besitz nicht wichtig zu nehmen, gibt mir ein großes Gefühl von innerer Unabhängigkeit.

 

  1. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl mächtig zu sein?

Als junge Abgeordnete habe ich eine kleine Schule in einer sehr dünn besiedelten Gegend von Brandenburg besucht. Sie sollte geschlossen werden, weil es zu wenig Kinder gab. Ich fand diese Schule toll, unter anderem, weil sie behinderte Kinder ganz selbstverständlich integriert hatte. Ich konnte dann verhindern, dass diese Schule geschlossen wurde.

 

  1. Und wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?

Als mein Vater ins Koma gefallen war. Er lag auf der Intensivstation. Ich war oft und lang bei ihm, hoffte, er würde wieder aufwachen und wusste zugleich, dass es nicht passieren würde.

 

  1. Wenn die Welt in einem Jahr untergeht - was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? Sie dürfen allerdings keinen Apfelbaum pflanzen.

Ich würde meine Kinder und meinen Partner nehmen, mit ihnen in ein kleines Haus im Wald in der Prignitz fahren – und in zwei Jahren nachschauen, ob die Welt vor einem Jahr tatsächlich untergegangen ist.

 

  1. Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Dafür.

 

  1. Welche politischen Überzeugungen haben Sie über Bord geworfen?

Die Überzeugung, dass der Staat immer effizient organisiert sein muss. So habe ich das mal im Politikwissenschaft-Studium gelernt und übernommen. Heute sage ich: Wenn sich etwa die Leute unsicher fühlen, ist es sinnvoll, mehr Polizisten zu beschäftigen als laut offizieller Kriminalstatistik nötig wären. Und: Menschen einen Job zu geben, die in der freien Wirtschaft über Jahre keinen finden, ist keine Steuerverschwendung, sondern ein Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft.

 

  1. Könnten Sie jemanden küssen, der aus Ihrer Sicht falsch wählt?

Ja, hab ich schon. Mein Männergeschmack richtet sich nicht zwingend nach dem Parteibuch.

 

  1. Haben Sie mal einen Freund wegen Politik verloren? Und wenn ja – vermissen Sie ihn?

Mehrere – und einige davon vermisse ich auch. Als Generalsekretärin musste ich Vorschläge für Wahllisten ausarbeiten: Wer bekommt einen aussichtsreichen Platz, wer einen weniger aussichtsreichen. Und da können Sie machen, was Sie wollen – die Zahl Ihrer Freunde ist danach immer geringer.

 

  1. Welches Gesetz haben Sie mal gebrochen?

In meiner Jugend waren weite Teile Potsdams in einem Zustand, der junge Menschen dazu animierte, Häuser zu besetzen, um sie vor dem Verfall zu retten. Ich fühlte mich auch animiert. Parallel dazu habe ich damals sicherlich das eine oder andere Bier in einem Lokal ohne Ausschankgenehmigung getrunken. Wie genau diese Tatbestände alle heißen, weiß ich nicht. Aber erlaubt war das nicht.  

 

  1. Waren Sie als Schüler beliebt oder unbeliebt, und was haben Sie daraus politisch gelernt?

Erst war ich unbeliebt, weil ich ein furchtbarer Streber war. Und dann war ich unbeliebt, weil ich mit Einsetzen der Pubertät plötzlich sehr schräg drauf war. Ich war in der Hausbesetzer-Szene unterwegs und nicht immer in der Schule, wenn ich in der Schule hätte sein müssen. Ich war aber kein Punk. Gelernt habe ich daraus: Wenn man Individualist ist, gibt’s manchmal Probleme mit der Gruppenakzeptanz. Aber dann ist das halt so. 

 

  1. Welche politische Ansicht Ihrer Eltern war Ihnen als Kind peinlich?

Wenn ich früher Westbesuch mit nach Hause brachte, hat mein Vater immer erzählt, wie er beim Bau der Berliner Mauer geholfen hat. Und dann hat er sich diebisch gefreut, weil der Besuch nicht wusste, wie er da gucken soll.

 

Stimmte die Anekdote ihres Vaters denn?

Als ganz junger Mann war er bei der damals kasernierten Volkspolizei. Die musste beim Bau der Mauer mit anpacken. Mein Vater lag die meiste Zeit bei Kleinmachnow irgendwo in den Büschen und hat die anderen nicht weiter gestört. Er hatte keine tragende Rolle.  

 

  1. Nennen Sie eine gute Beleidigung für einen bestimmten politischen Gegner.

Ich versuche, politische Gegner nicht zu beleidigen.

 

Ein SPD-Parteifreund, der Schatzmeister ihres Landesverbands Brandenburg, hat dem „Spiegel“ gesagt, Ihnen fehle „die Fähigkeit zur Nähe“. Und wörtlich: Sie könnten „von der zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten".

Das ist unverständlich. Ich persönliche kenne mehrere herzensgute Geflügelzüchter.

 

  1. Welcher Politiker hat Ihnen zuletzt leidgetan?

Frau Kramp-Karrenbauer hat es gerade nicht so einfach. Sehen Sie: Seitdem ich mit Olaf Scholz durchs Land reise, vergleichen mich unglaublich viele Leute mit ihm. Das ist mir vorher 43 Jahre lang nie passiert. Vielleicht möchte Frau Kramp-Karrenbauer mit ihrer Distanzierung von Angela Merkel ja nur darauf hinweisen, dass sie Annegret Kramp-Karrenbauer ist und nicht Angela Merkel zwei. Ich kann das sehr gut verstehen.

 

  1. Welcher Politiker oder welche Politikerin müsste Sie um Verzeihung bitten?

Niemand.

 

  1. Welcher Politiker oder welche Politikerin sollte mehr zu sagen haben?

Cornelia Schulze-Ludwig. Sie ist eine ganz tolle Bürgermeisterin in einem kleinen Ort in Brandenburg. Ich nenne sie stellvertretend für eine Grundüberzeugung von mir: Die Bürgermeisterinnen und die Landräte in Deutschland sollten mehr zu sagen haben, etwa, indem sie stärker in den Spitzengremien von Parteien vertreten sind. Sie sind einfach näher dran an der Lebenswirklichkeit.

 

  1. Welche politische Phrase möchten Sie verbieten?

„Diese Frage stellt sich nicht.“ In Pressesprecher-Seminaren mag man das für eine kluge Antwort auf eine gestellte Frage halten. Ich halte das für einen Widerspruch auf zwei Beinen.

 

  1. Finden Sie es richtig, politische Entscheidungen zu treffen, auch wenn Sie wissen, dass die Mehrheit der Bürger dagegen ist?

Ja natürlich. Politik heißt ja auch, in schwierigen Situationen Führung zu übernehmen. Diese schwierigen Entscheidungen muss man aber öffentlich gut begründen. Und genau da sehe ich ein großes Defizit bei der derzeitigen Kanzlerin. 

 

  1. Was fehlt unserer Gesellschaft?

Hoffnung und Zukunftszuversicht.

 

  1. Welches grundsätzliche Problem kann Politik nie lösen?

Dass das Leben immer macht, was es will, selbst wenn man gerade andere Pläne gemacht hat. In Brandenburg lautete über Jahre die Prognose: Die jungen Menschen wandern ab, die Einwohnerzahl sinken. Jetzt bleiben die jungen Leute aber, bekommen Kinder, viele Polen ziehen nach Brandenburg, weil das Leben dort billiger ist als in Stettin, und Großstadt-Bewohner aus Berlin kommen auch noch zu uns. Gerade gestaltet man noch das Schrumpfen – und in der nächsten Sekunde müssen wir neue Kitas bauen. 

 

  1. Sind Sie Teil eines politischen Problems?

Ich hoffe, ich bin ein sehr großes Problem für alle politischen Gegner der SPD.

 

  1. Nennen Sie ein politisches Buch, das man gelesen haben muss.

Anne Applebaum „Der Rote Hunger“. Das empfehle ich allen, die sich mit der schwierigen Geschichte zwischen Moskau und der Ukraine vertraut machen wollen.

 

  1. Bitte auf einer Skala von eins bis zehn: Wie verrückt ist die Welt gerade? Und wie verrückt sind Sie?

Ohne Großbritannien bekommt die Welt eine vier, mit Großbritannien eine fünf. Und ich persönlich zwischen acht und neun – aber das geht wieder vorbei. Schließlich dauert diese SPD-Tour um den Parteivorsitz ja nicht ewig. Auch wenn es sich gerade so anfühlt.

 

  1. Der beste politische Witz?

Sagt ein Politiker zu seinem Pressesprecher: „Geh mal raus zu dem Journalisten und frag ihn, ob er in der SPD ist oder uns nahesteht. Kommt der Pressesprecher zurück und sagt: „Er ist in der SPD, steht uns aber nicht nah.“

 

  1. Was sagt Ihnen dieses Bild (Bild von Roth und Kampmann, die sich verträumt anschauen)?

Christina und Michael: zwei Mitbewerber, die mit ihrer Fröhlichkeit und ihrer Dynamik dem Rennen um den SPD-Vorsitz guttun.

 

  1. Wovor haben Sie Angst - außer dem Tod?

Vor der Höhe – vor allem, wenn es um meine Kinder geht. Wenn die auf die zweite Stufe des Klettergerüsts steigen, fang ich an zu rufen: „Kommt da runter, kommt da runter.“ Das ist ihnen dann total peinlich.  

 

  1. Was macht Ihnen Hoffnung?

Mein Glaube. Als Christin bin ich davon überzeugt, dass Niederlagen und Rückschläge einen nie davon abhalten sollte, die Menschen zu lieben.

 

Die Fragen stellten Peter Dausend und Anna Mayr